Der an dieser Stelle näher in Augenschein genommene Werbeträger ist zunächst, was die Stelle seiner Platzierung in einer Nebenstraße oberhalb der Tiefgarage eines mehrstöckigen Gebäudes angeht, eher unauffällig. Das gilt auch für die Form- und Farbwahl: klare rechteckige Strukturen, nüchternes Schwarz-Weiß, der Claim in angenehm unaufdringlichem Grau gehalten.

Was die Interpretation der abgebildeten Buchstaben angeht, herrschte bei mir allerdings schnell Ratlosigkeit. Einerseits konnten die beiden Worte in den schwarzen Kästen („schön“ und „schräg“) adjektivische Bedeutung haben und ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass hier ein Objekt schief und doch ästhetisch ansprechend auf einen Mauersockel gestellt worden ist.

Dagegen sprach jedoch, außer dem gesunden Menschenverstand, dass die beiden Worte in Majuskeln gestaltet waren, so dass meine zweite Annahme darin bestand, es könne sich dabei um zwei Eigennamen handeln. In dem Fall hätten sich also Frau Schön und Herr Schräg (oder anders herum oder ganz ohne Frau oder ganz ohne Herr) ganz geschickt der simplen Tatsache bedient, dass die beiden Nachnamen bereits dadurch ein Lächeln auslösen, dass sie gemeinsam genannt werden. Hinzu kommt, dass „schön“ und „schräg“ eben auch Adjektive sind, die zusammen einen erweiterten Sinn ergeben, in dem das an sich neutrale „schräg“ eine positive Wertung erfährt.

So schön, so schräg, so gut.

Der in Grau gehaltene Claim wiederum bot einen ersten Hinweise darauf, dass es sich möglicherweise um ein Geschäft oder eine Unternehmung handeln könnte, das in irgendeiner Form mit Haaren zu tun hätte. In einem Friseurladen werden ja, wiederum umgangssprachlich, „die Haare gemacht“ – was wiederum für einen Damenfriseur sprach: Männer, von Fernseh- oder Kiezgrößen einmal abgesehen, gehen wohl eher zum profanen „Haareschneiden“.

Aber irgendwie waren das alles nur Vermutungen; kriminologisch würde man sagen: Indizien, aber keine Beweise. Vor allem der zweite Teil des durch ein Komma geteilten Claims, „schöne Sachen“, stach durch eindeutige Mehrdeutigkeit hervor. Hatten sich diese – mutmaßlich zwei – Damenfriseure das wenig ehrgeizige Ziel gesetzt, das Ergebnis des „Haare-Machens“ als eine „schöne Sache“ aussehen zu lassen? Das wäre doch ein allzu simples Geschäftsprinzip gewesen: ein Friseur, dessen Kundschaft nicht mit dem Gefühl einer deutlich optimierten Optik den Salon verlässt, kann seinen Laden schnell wieder schließen.

Ging es hier, nächster Gedanke, um den dezenten Hinweis, dass es in dem – mutmaßlichen – Friseursalon neben dem „Haare-machen-lassen“ auch noch die Möglichkeit zum Erwerb von Zubehör wie Bürsten, Kämmen, Föhnen, Shampoos und Cremes gab, also um lauter „schöne Sachen“, die das Leben nach dem Verlassen des Ladens bereichern und verschönern könnten?

Oder benutzte Herr (oder Frau) Schön ungenutzte Flächen dazu, ganz persönlichen Dinge mitzubringen, die von solcher Außergewöhnlichkeit waren, dass es sich lohnte, sie auszustellen, zu verkaufen oder gar zu versteigern? Dann hätte allerdings, streng genommen, ein Genitiv-S gefehlt („Schönes Sachen“ bzw. mit falschem aber inzwischen oft geduldetem Apostroph: „Schöne’s Sachen“). Und natürlich drängte sich unwillkürlich sofort die Frage auf, ob Herr (oder Frau) Schräg nicht über mindestens ebenso attraktive Devotionalien verfügte, die auf einem dunklen Dachspeicher der öffentlichen Entblößung harrten. Ganz abgesehen davon, dass „schräge Sachen“ rein werblich noch etwas spannender geklungen hätte.

Vielleicht ging es aber auch nur darum, dem „Haaren machen“ in der Folge eine lautmalerische Entsprechung zu verschaffen, damit es in seiner Kürze und in seiner freien Interpretierbarkeit wenigstens nicht ganz allein dastehen müsste. Dann hätte man, allerdings auf Verzicht des Spiels mit dem – mutmaßlichen – Nachnamen „Schön“, auch andere Komplementäre wählen können.
Mir gingen zahlreiche Claims durch den Kopf. Zu denen, die ich mich hier zu nennen traue, gehören: „Haare machen, wieder lachen“, „Haare machen, lass es krachen“, „Haare machen, grad die flachen“ und „Haare machen, alter Drachen“.

Ich weiß bis heute nicht, welche meiner Vermutungen richtig sind oder der – möglicherweise überraschenden – Wahrheit am nächsten kommen. Ich habe nämlich beschlossen, das Geheimnis nicht bei seinem erfolgreichen werblichen Versuch zu stören, sich vor mir zu verstecken.

Herzliche Grüße,

Ihr Tom Eisenlöffel