An diesem Tag schlenderte ich auf dem Rückweg von meinem Lieblingscafé, dem „Kaufmanns“, ins Büro über die Taunusstraße. Während ich meinen Kopf nach oben drehte, um die ungefähre Flugbahn einer in diesem Moment wild auf mich zu flatternden Kampftaube zu berechnen, deren spontaner Darmentleerung über meinem Kopf ich unbedingt ausweichen wollte, erblickten meine Augen in etwa 2,5 m Höhe den dezenten Werbeträger.

Das Schild hing dort offenbar schon viele Jahre, auch wenn ich es erst jetzt erst entdeckt hatte. Der Zusatz „Söhne“ im Namen des Unternehmens lässt zudem vermuten, dass man bereits mindestens in zweiter Generation erfolgreich mit der Herstellung und dem Verkauf von künstlichen Augen beschäftigt ist.

Ich hatte dazu spontan folgende Assoziationen:

  1. Eine Freundin meiner Großmutter, die ihr Glasauge zum Schlafen regelmäßig herauszunehmen und es aus Bequemlichkeit immer erst dann wieder einzusetzen pflegte, wenn das Verlassen ihres Hauses oder ein anderer offizieller Anlass anstand.
  2. Otto Waalkes‘ derbe Zote über einen Fenstersturz, der angeblich nochmal glimpflich endete, weil der Fallende mit seinem Auge an einem rostigen Nagel hängen geblieben war.
  3. Eine Szene aus der amerikanischer Slapstick-Komödie „Hot Spots“, in der ein völlig übertrainierter Charlie Sheen seiner Angebeteten zuflüstert, er habe die Augen seines Vaters, bevor er ein Etui hervorholt, dieses aufklappt und der Zuschauer zwei darin befindliche Augen entdeckt.

Bei meiner Internetrecherche stellte sich dann heraus, dass das Familienunternehmen tatsächlich bereits seit 1860 künstliche Augen aus Glas herstellt, vermutlich vorwiegend im medizinischen, restaurativ-kosmetischen Bereich. Ich lernte, dass seit 2011 auch Prothesen aus Kunststoff hergestellt werden, und dass es sorgfältig abzuwägen gilt, welches Material zum Einsatz kommen soll. Ich las, dass Kunstaugen so vielfältig wie die Natur sind, und dass Augenmacher ein Handwerksberuf mit sehr langer Ausbildungszeit ist. Erst nach 6 Jahren darf man sich „Ocularist“ nennen. Hätten Sie das gewusst?

Mir hat’s auf jeden Fall die Augen geöffnet.

Herzliche Grüße,

Ihr Tom Eisenlöffel