Das Standardwerk der psychiatrischen Diagnostik, sozusagen die „Bibel der Psychiatrie“, wird in fachkundigen Kreisen einfach nur „DSM“ genannt, was ein Akronym für „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ ist (auf Deutsch: „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“). Dabei handelte es sich um ein Klassifikationssystem für psychische Erkrankungen in Wörterbuchform, das 1952 erstmals herausgegeben wurde, und das damals auf 130 Seiten 106 psychiatrische Diagnosen auflistete. Mit ihrer Hilfe ist es den in Heilberufen für die Seele tätigen Menschen möglich, auch die seltsamsten, bizarrsten oder auch erschreckendsten psychiatrischen Symptome mit wissenschaftlich klingenden Sprachhülsen zu versehen – vielleicht auch in der Hoffnung, dass allein schon der Versuch der begrifflichen Systematisierung des Unbegreiflichen Teil einer möglichen Problembehandlung und -lösung sein könnte.

Das Prinzip scheint seine – geradezu psychiatrische – Wirkung nicht verfehlt zu haben: im Jahr 2013 erschien die nunmehr fünfte Auflage („DSM-5“) mit sage und schreibe 374 Diagnosen auf 947 Seiten. Mit dem nächsten, deutlich erweiterten Update dürfte in Bälde zu rechnen sein.

Zu den bisher allerdings noch nicht im DSM verzeichneten Diagnosen gehört der „Majestix“-Effekt.

Der Begriff referenziert auf die bekannte Häuptlingsfigur aus dem antiken gallischen Dorf, in dem Asterix und Obelix, die Helden der gleichnamigen, großartigen Comic-Serie, zuhause sind. Im 11. Band „Der Avernerschild“ von 1968 wird erzählt, wie sich der Bauch von Majestix mangels Bewegung (als Chef steht ihm zu, immer von zwei Helfern auf seinem Schild herumgetragen zu werden) und ausgiebigen Ess- und Trinkgelagen infolge ständiger Siege über die inzwischen völlig verzweifelten römischen Belagerungseinheiten beachtlich vergrößert hat und nun bei jeder erneuten Nahrungsaufnahme mit massiven Beschwerden reagiert. Da Majestix sich zunächst weigert, sich den diätischen Empfehlungen des Druiden Miraculix zu beugen, nimmt seine gastro-intestinale Sensibilität ständig weiter zu – bis er sich eines Nachmittags, gleichermaßen erschöpft vom eigenen Übergewicht und dem Gewicht der nervenden Ratschläge seiner undankbaren Untertanen, unter einen Baum legt. Kaum ist er sanft eingeschlummert, senkt sich aus dem Geäst ganz langsam ein Blatt herab und landet mit seinem tonnenschweren Gewicht dermaßen hart ausgerechnet auf seinem Bauch, dass er von unerträglichen Schmerzen wieder aus dem Schlaf gerissen wird.

Der „Majestix-Effekt“ ist also im übertragenen Sinne die Bezeichnung für eine zunehmende körperliche oder seelische Sensibilisierung infolge äußerer, rein subjektiv oft als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfundener Einflüsse. Die Sensibilisierung kann sich so verstärken, dass amEnde des Leidensprozesses beim denkbar kleinsten negativen Ereignis eine maximale schmerzhafte Wirkung eintritt, die – rein objektiv oder von außen betrachtet – in keinem nachvollziehbaren Verhältnis zur faktischen Ursache zu stehen scheint.

Am Höhepunkt einer solchen Entwicklung kann dann der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“ „das Fass zum Überlaufen“ bringen. Es folgen oft spontane Entscheidungen von großer Tragweite: die Eine verlässt den Partner nach jahrelangem verzweifelten Ringen um Achtung und Respekt, weil der Ignorant – zum letzten Mal – seine schmutzigen Socken nicht in die Wäsche gelegt hat; ein Anderer kündigt den Job, weil der Chef ihm nach jahrelangen verbalen Demütigungen – zum letzten Mal – gesagt hat, dass er schneller werden muss; wieder eine Andere entscheidet sich doch für die sitzende Tätigkeit in einer Bank, weil sie beim zermürbenden Kampf gegen das Körpergewicht an einem regnerischen Nachmittag wegen unfassbarer 500 g zu viel auf der Waage in einem Anfall spontaner Verzweiflung eine internationale Karriere als Model endgültig aufgegeben hat.

Die Szene unter dem Baum ist auch insofern gut auf das echte Leben übertragbar, weil letztlich ein banales Blatt die körperliche Krise auslöst – etwas, das mit Majestix Fettleber gar nicht unmittelbar etwas zu tun hatte. Bei ihm hatten letztlich Völlerei und Bewegungsmangel dazu geführt, dass wohl auch der schiere Anblick seiner ewig nörgelnden Gattin Gutemine oder ein heiter angestimmtes Lied des Barden Troubadix augenblicklich zum völligen Zusammenbruch geführt hätte.

In der entsprechend aufgeladenen Lebenssituation – die am Ende einer Reise steht, die immer nur in die falsche Richtung gegangen ist – führt der „Majestix“-Effekt also dazu, dass im Grunde jede denkbare Belanglosigkeit ein plötzliches, persönliches Harmageddon auslösen kann, wenn sie dem Betroffenen in diesem speziellen Moment nur bedrohlich genug – erscheint.

Passen wir also gut auf uns auf! Hören wir in uns hinein! Beobachten wir uns dabei, wenn  unsere Geduldsgrenze in sich wiederholenden Gesprächen mit sich wiederholenden Themen ohne Aussicht auf konstruktive Lösungen Stück für Stück bis zum Überschreiten der Grenze zum körperlichen Austausch von Argumenten zu sinken droht. Wenn sich bei den früher immer als witzig und geistreich empfundenen Bonmots der Kollegen immer mehr Gedanken darüber einstellen, was daran denn bitte witzig sein soll oder warum er sich nicht besser mit etwas Sinnvollerem nützlich macht. Wenn Aufgaben, die wir früher mit einem verspielten Lächeln quasi nebenbei erledigt haben, gefühlt immer mehr Gewicht, und damit auch: Bedeutungsschwere bekommen, bis ihre Bewältigung nur noch mit der allergrößten Kraftanstrengung möglich erscheint. Hier könnte der „Majestix“-Effekt am Werk sein!

Übrigens verbinde ich mit dem Schreiben und Publizieren dieses Artikels natürlich auch die Hoffnung, mit der Beschreibung dieses Phänomens in das DSM-6 aufgenommen zu werden. Auf irgendwas freut sich doch jeder.

Therapeutische Grüße,

Ihr Tom Eisenlöffel